Singen, so kenne ich das auch aus meiner Zeit als professioneller Sänger, ist eine hoch fragile Angelegenheit. Nichts ist schlimmer als das Gefühl, den Mund nicht einfach aufmachen zu dürfen. Bei uns darf man das. Und man kann es hören.

Der nächste Schritt ist dann immer die Homogenität des Chorklanges. ;-)

LH

Eine Rückmeldung der Jury an die Jungs nach dem Wettbewerb in Celle war: "Das letzte Stück war eure Musik. Da ward ihr ganz bei euch. Die ersten beiden Stücke, damit konntet ihr nicht so viel anfangen."

Schon einmal hatten wir die Rückmeldung hier im Blog, ob man Knaben mit einem "traditionellen" Repertoire nicht doch überfordert. Mir geht das nach. So leicht ist es glaube ich nicht, Literatur zu erkennen , die wertvoll für die Knaben ist. Sicher hingegen ist, nur aus genau dieser Überlegung heraus, was für die Knaben wert- und sinnvoll ist, sollte der Chorleiter Literatur wählen.

Allein einen Maßstab dafür zu entwickeln, eine Liste von Faktoren aufzustellen, die zum tiefen Aneignen der Musik führen, scheint mir fast unübersehbar. Mir fallen spontan ein:  Interessen/ Alter/ sängerische Fähigkeiten eines jeden Chorsängers und diese drei Faktoren stehen schon im Konflikt miteinander. Wann soll sich der Wert zeigen? In der Chorprobe? Im Konzert? Oder darf es auch in zehn Jahren sein?

Für Hinweise, auch grundsätzliche Ansätze bin ich dankbar.

LH

„Das erste und grundlegende Organ, mittels dessen wir die Welt zum Antworten bringen und über das wir in eine Antwortbeziehung zu ihr treten, ist jedoch die Stimme. [...] Die von der Stimme gestifteten Resonanzbeziehungen erweisen sich wiederum als doppelseitig zwischen Leib und Seele einerseits und zwischen Subjekt und Welt andererseits aufgespannt, [...] Nirgendwo sonst lässt sich dies so unmittelbar erfahren wie beim gemeinsamen Singen, und vermutlich liegt eben hierin die anhaltende Attraktivität des Chorsingens." Hartmut Rosa: Resonanz. Suhrkamp 2016, S.109-111

Hartmut Rosa verweist in seinem neuen Buch "Resonanz" auf die grundlegende Wichtigkeit, seine Stimme zu gebrauchen. Er führt als Urerlebnis die Verständigung zwischen Mutter und Kind vor und nach der Geburt an, die sich erst einmal stimmlich miteinander in Beziehung setzen - der Säugling, der beruhigt durch die Stimme der Mutter sich in Sicherheit weiß, und die Mutter, die durch die Laute des Kindes (Schreien, Glucksen, Schnurren), um das Kind weiß.

Der Begriff Resonanz ist ein physikalischer und auch ein musikalischer Begriff. Finden wir eine gemeinsame Ebene miteinander, spüren wir, dass wir "auf einer Wellenlänge" liegen. Die Stimme gibt Laute von sich, die alle in der Umgebung, ob sie es nun wollen oder nicht, physikalisch am Leib, besonders am Ohr trifft. Die Ohren können wir nicht verschließen. Und dann hören wir, egal ob wir den Inhalt verstanden haben, wie es dem Sprecher geht.

Wer seine Stimme beherrscht, kann viel Resonanz in sich und zu seiner Umwelt herstellen. Stimm-Bildung ist dann eben viel mehr, als ein Wissen um den richtigen Gebrauch des Muskelapparats in der Kehle. Es ist ein Wissen um sich und um das, was die Umgebung zu hören vermag und ihr im besten Falle wohltut.

So ist ein gelingendes Chorsingen eine Wohltat für alle, die sich - in welcher Rolle auch immer - im Raum befinden.

Auf zur nächsten Stimmbildung!

Bezug nehmend auf den letzten Eintrag im Blog, darf hier etwas klargestellt werden:

WIR haben keinen Männerstimmenmangel (oder sagt man Männermangel...?) Klingt in einem Knabenchor irgendwie selbstverständlich, ist es aber nicht unbedingt. Nach dem unabwendbaren biologischen Umbau, in dem die Knaben aus ganz vielen nachvollziehbaren Gründen Mutanten genannt werden und die Stimme so ´rumschlackert und bricht - ich sah in diesem Zustande schon Jungs grundlos vor Türen laufen, kein Scherz – nach diesem Umbau kommen sie nicht unbedingt zurück, um wieder zu singen.

Bei uns sind es mehr Männer, als in den meisten Chören der Stadt. 12 davon sind noch ohne Abitur, einer ist angehender Grundschullehrer, der von seinen 22 Lebensjahren 17 im Chor singt (das sind mehr als 77 %),  einer ist Schließer im Frauengefängnis, wie er selbst sagt, drei sind Herren im mittleren Alter und einer ein wirklich erfahrener und schön singender Tenor, der nunmehr weit über sechzig Jahre singt. Hinzu kommen immer willkommene erfahrene Projektsänger.

Ich finde für mich: Genauso, mit dieser Mischung, kann ein Männerchor gut gelingen.

Wir leihen übrigens auch aus... . Umgekehrt darf jeder gern zu uns kommen.

Probe des MännerEnsembles des Knabenchores Hildesheim:
Immer freitags von 18.30 bis 19.30 Uhr im Telemannhaus für Musik des Gymnasiums Andreanum, Hagentorwall 15, Hildesheim.


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