Ist Knabenchor eigentlich Luxus? Muss das dringend sein? Nehmen wir uns da nicht zu wichtig?
Im Gespräch mit Pädagogen wird auch gern leicht entrüstet auf das Zeitalter der Koedukation hingewiesen. Alles andere ist antiquiert.

Die Luxusfrage wird ja gern in Bezug auf den ganzen Musikbetrieb gestellt: "Die teuren Opern und Stadtorchester, die Musikschulen, alle diese vielen Chöre einschließlich der dazugehörigen staatlichen Förderung - braucht das der Mensch wirklich zum Leben?"

Beim Knabenchor kommen dann noch die pädagogischen Dogmen hinzu, plus das Ressentiment gegen einen elitären Anspruch.

Macht Knabenchor wirklich Sinn?

Hier meine Antworten:

- für neurobiologische Rationalisten: Ja, denn das Gehirn wird bis in seine Tiefe gebraucht und die Benutzung des Hirns ist auch für Jungs sinnvoll.

- für soziologische Psychologen mit Genderbewusstsein: Immer weniger Jungs im Vergleich zu der steigenden Zahl an Mitschülerinnen machen Abitur, u.a. weil sie als auffällig oder zu unruhig gelten, nicht genug lesen etc. Eine Rollenfindung außerhalb der Koedukation kann vielleicht helfen. (Auch Noten müssen gelesen werden...) Der Knabenchor ist ein sozialer Ort, an dem man sich einfügen und doch unter sich sein kann. Hier findet zudem die Auseinandersetzung mit Gefühlen auf hohem Niveau statt.

- für alle, die keine Schubladen brauchen: Es macht den Knaben oft einen Sauspaß. Ich finde das reicht als Sinn eigentlich aus.

LH

 

 

Snnvll Prbn?

Geht es Ihnen zuweilen auch so, dass Sie so stecken bleiben? Die Worte fehlen? Als erstes gehen die Vokale aus...

Beim Proben geht mir das häufiger so. So viele Eindrücke, ich muss reagieren...

Ob eine Probe, ein Konzert gelungen, weiß ich zuweilen erst am nächsten Tage.

Manchmal wandelt sich ein Misserfolg Wochen später in einen Erfolg. Manchmal bleibt vom vermeintlichen Erfolg am Tag zuvor nur ein schaler Geschmack. So viele Faktoren.

Folgendes halte ich für sichere Indizien, dass es schief ging:

  1. Unsicheres Einatmen und Einsetzen.
  2. Zunehmend schlechter Stand der Sänger.
  3. Die Stimmen werden immer enger.
  4. Der zusammengekniffene "Wo-sind-wir-gerade-Blick".
  5. Das Ärgern des Nachbarn nimmt zu und damit die Unruhe.
  6. Die wiederholte Frage nach der dritten Probe: "Müssen wir das wirklich singen?"
  7. Das Probentempo wird kontinuierlich zäher.
  8. Ich weiß nicht mehr, wo wir sind.

Und dies halte ich für Zeichen des Sinn erfüllenden Miteinanders in Probe und Konzert:

  1. In den Pausen wird gelacht, getobt und - bei Knaben durchaus wichtig - auch gerauft.
  2. Die Choristi gehen singend aus der Probe.
  3. Wir haben es geschafft beim Einsingen zu lachen.
  4. Spiele ich vor der Probe das Stück an, krähen einige lauthals unvermittelt mit.
  5. Das Ärgern des Nachbarn hält sich in Grenzen, da das Stück interessant genug ist.
  6. Beim Einatmen hört und spürt man (also der Zuhörer und ich), dass niemand Vorbehalte hat und alle gern und engagiert singen.
  7. Bei Freizeiten und in freien Zeiten bilden sich unvermittelt Herde von Singenden, die Aktuelles und Vergangenes nur so aus Spaß noch mal sich gegenseitig, miteinander oder im Wettstreit aufleben lassen.

Freilich erhebt dies nicht einmal im Ansatz den Anspruch der Vollständigkeit.

Über eine reichhaltige Ergänzung der Listen freue ich mich sehr!

LH

Probenwochenenden werden aus unerfindlich verharmlosenden Gründen auch Chorfreizeiten genannt, sind aber von unermesslichem Wert.

Ich habe mir angewöhnt kurze GIMG 2118espräche schon während der "normalen" Proben" in den Pausen mit den Knaben zu beginnen. Nichts Wichtiges: Geht es dir gut? Oder ein kurzer Hinweis, was ich von dem Betreffenden wahrgenommen habe und auch ihn einfach zu Wort kommen lassen. Der Effekt ist das wichtige Gefühl des Wahrgenommen- und Gehört-Werdens und dadurch(!!!) eine Klangverbesserung des Gesamtchores.

Das Probenwochenende an sich bietet nun ein Füllhorn an wichtigen Begegnungen untereinander und mit dem Leiter des Chores. Jeder kennt den Effekt und seine Wirkung auf das Proben.

Einige Impressionen von dem gerade beendeten Probenwochenende in der prächtigen Villa Ruhe (!) in Alfeld, die erbaut wurde von Hermann Ruhe in den IMG 2121zwanziger Jahren, dem Markführer in Europa für exotischen Großwildhandel...
Name und Anlass passen gut zum Knabenchorprobenwochenende - das eine frommer Wunsch, das andere Realität...

Irgendeiner verletzt sich immer: Die große Freitreppe kopfüber hinunter und das Handgelenk verstaucht. Kühlung verschafft Linderung. Die Zimmergenossen setzen sich zu ihm und erzählen Witze. All das verbindet ganz ernst miteinander. Am nächsten Morgen gefragt, wie es sei, bekomme ich zur Antwort: "Gut! Ich habe gestern kein Heimweh gehabt..."

Einer kommt nachts, ihm ist kalt. Er weiß nicht, was er machen soll und schlafen kann er auch nicht. Ich trotte mit ihm in sein Zimmer nachts um drei, schließe die Fenster und mache die Heizung an, zur Sicherheit ein Decke dazu.IMG 2109

Ein sehr stiller Knabe liest sich gewissenhaft alle historischen Informationen zum Haus durch und referiert mir diese in jeder Pause mit entsprechenden Gedanken dazu. Das Bild mit den Geparden betrachtet er systematisch und tiefsinnig hermeneutisch. Wie alt ist der Mann? Wie hält er die Geparden? Wohin blicken sie? Die standen hier im Park... Was ist eigentlich eine Quarantänestation?

All das wird man im Klang des Chores wiederfinden.

Auch dies bleibt im Guten hängen: Birke von Borstel und Marina Seidel, die umsorgt und gekocht haben und das nötige weibliche Gegenwicht bei so viel Y-Chromosomen bildeten. Herzlichen Dank!

Nächste Woche: Über den schmalen Grad eines sinn-vollen Probens, wo doch die Pausen oft wichtiger sind.

Hier der angekündigte zweite Teil: Beginnend mit dem gleichen Ausgangsgedanken...

...die Chor.com, ein nationales Ereignis für alle Choraktiven und Chorliebhaber - Messe, Kommunikationsplattform, Impulsgeber, Konzertveranstalter und vieles mehr. 

Moritz Puschke und Daniel Schalz, oberste Repräsentanten des Deutschen Chorverbandes, dessen regionaler Vertreter auch der Knabenchor ist, halten einen Vortrag zum Chormanagement. Folgende Sätze fallen mir spontan sinngemäß wieder ein:

"Überlegen Sie, wofür Ihr Chor stehen soll. Das muss klar und eindeutig für Sie und die Öffentlichkeit sein."  "Chormagament wird immer wichtiger, Sie brauchen jemanden dafür!" "Der Vorstand und alle am Chor Beteiligten müssen eng zusammenarbeiten." "Pressearbeit darf nicht der machen, der sich am wenigsten wehrt und das am Schluss, wenn alles entschieden ist." "Mit der Presse muss man Kontakt halten und dranbleiben." "Pressemitteilungen: Das Wichtigste zuerst."

Das schöne an diesem Vortrag: Das machen wir tatsächlich alles! Ein gewisser innerlich Triumph lässt mich - glaube ich -  äußerlich so aussehen wie Mr.Bean, wenn er stolz auf sich ist. Nur unsere Homepage wir wohl ein bisschen "oldschool" sein nach Moritz Puschkes Maßstäben. Darüber kann ich innerlich schmunzeln.

Es bleibt aber ein entscheidender Knackpunkt, der anklingt im Vortrag und doch in seinem Widerspruch so stehen bleibt: Der Einsicht darein, was alles zu tun ist, steht ein gravierender Zeit- und ein mindestens ebenso bedrückender Geldmangel gegenüber. Die Pflege der Homepage, dreißigseitige Förderanträge ausfüllen unter Berücksichtigung der Förderrichtlinien und ohne einen juristen Berater an der Seite, die Finanzplanung, internetbasierte Mitgliederverwaltung, die Identität des Chores, das was sich neudeutsch Brand nennt, möglichst mit professioneller Beratung weiterentwickeln und umsetzen - jeder dieser Punkte wäre für sich ein fordernde Aufgabe für eine Halbtagskraft.  

Mit beschämten Stolz stelle ich aber fest: Wir schaffen dies alles ausnahmslos ehrenamtlich. So bleibt mein aufrichtiger Dank an den Vorstand des Chores und des Fördervereins, namentlich an:

Inga Ballandis (Chorkleidung), Birke von Borstel (Veranstaltungsorgansiation und -planung), Thomas Hottendorf (Homepage und Software), Gudrun Klein (Adressverwaltung), Susanne Krüger (Finanzen), Christian Lauckner (juristische Beratung), Elke Lütkemeier (Veranstaltungsorgansiation und -planung), Marina Seidel (Presse und Förderanträge und Überblick)...  

.. und zum Schluss aber doch der besorgt-innige Traum eines jeden Chorleiters: Die Hoffnung es käme ein wohlhabender Mäzen, der dies liest, versteht, das es schon gut läuft und was sich noch alles wertvolles machen ließe, mit ein wenig finanziellem Spielraum und dann... eine Stiftung ins Leben ruft! Denn die Ehrenamtliche werden ihr so wertvolles Engagement nicht ewig ausführen können.


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