Nun gibt es sie bei uns: Meister, Gesellen und Lehrlinge.

Erste Reaktionen nach Erhalten der Urkunden:

"Ihr dürft mich jetzt alle Meister nennen..."  "Ich bin nicht Meister - I'm legend...."

Nun, der souveräne Umgang damit wird wohl noch etwas Zeit in Anspruch nehmen...:-)

Aber die Macht scheint mit uns...

LH

Der Knabenchor Hildesheim ist nicht, wie viele seiner großen Brüder, eine jahrhundertealte Institution. Wir sind nun 28 Jahre alt - nicht die jüngsten in Deutschland, aber deutlich bei den Youngsters, in einer Zeit gegründet, in der man das Knabenchorwesen mehr denn je für eine unzeitgemäße, wertkonservative Einrichtung hielt.

Dementsprechend können wir uns nicht einfach auf aus alter Zeit herkommende Strukturen und Rituale berufen, in die der Neuankömmling eingeführt wird. Die Frage stellt sich: Was übernimmt man? Was lässt man besser weg? Wo liegt die Chance einer ganz neuen Idee?

In diesem Jahr führen wir ein neues System zur Anerkennung von Leistungen ein und formulieren gleichzeitig , welche Verantwortung und Pflicht wir damit im Chor verbunden sehen: Solisten und Stimmführer dürfen sich fortan nach einer vor dem Chor abgelegten Prüfung "Meister" nennen. Diese Prüfung absolvieren Sänger aus freien Stücken. Es gibt keine Pflicht, aber auch kein Recht auf den Meistertitel. Meister sind für die neuankommenden Lehrlinge verantwortlich. Wer sich sicher im Chor bewegt, wird öffentlich zum Gesellen.

Ist dies neu? Nein, nicht einmal in Ansätzen. Aber es zeigt sich, die Jungs können es gut brauchen und wollen es so. Bei der Ankündigung des neuen Systems wollten Jungs sofort ihren "Rang" wissen. Ich habe in den letzten Monaten zunehmend erlebt, dass es wichtig für den jeden Sängern zu wissen, wo er steht, damit sich er auch entsprechend im Chor einbringen kann.

Sind wir deshalb wertkonservativ- schon der alten Begriffe wegen? Auch das sehe ich nicht einmal in Ansätzen so.

Ich habe eher den Eindruck, wir bieten etwas wieder an, das schon verloren geglaubt und deshalb viel neugieriges Interesse hervorruft.

Hoffen wir, auf eine gute Tradition, die nun neu beginnt.

Als Reaktion auf den letzten Blog "Knaben als Solisten!" erhielt ich die kritische Rückmeldung, ob zuweilen das solistische Engagement im Knabenchor nicht auch unangemessener Ehrgeiz sei?

Unter unangemessenem Ehrgeiz verstehe ich: Hier werden Knaben zu Dingen gedrängt, an denen sie selbst kein Interesse und keine Freude haben. Dann würden die Knaben singen müssen zu Ehren derer, die sie dazu anleiten. Wenn das irgendwo so sein sollte, dann ist das tatsächlich verwerflich.

Aber sollte die Kritik in die Richtung gehen, dass zuweilen gewählte Partien stimmlich und/oder inhaltlich intellektuell noch "zu viel" für ein Kind sein sollen, dann frage ich mich, weshalb sich ein Student in den ersten Semestern schon an großer Musik "vergreifen" darf?

(Sängerische) Bildung ist und bleibt in meiner Sicht eine Investition, die sich manchmal erst Jahre später auszahlt. Das gilt auch , wenn eine Aufgabe mal zu groß ist und auch sein darf. Das durfte ich am eigenen Leibe erfahren: Mein erster Konzertauftritt, mit gerade einmal acht Jahren, war der Choral "Oh Lamm Gottes unschuldig" in der bachschen Matthäuspassion. Von der grausigen Handlung, dem Sinn des Textes und der Komplexität der Musik hatte ich nichts verstanden. Ich stand nach meinem Auftritt heiter vor der hannoverschen Marktkirche auf einem Stein und ahmte solange den Dirigenten nach, bis meine Mutter mich abholte und sich ausschüttete vor Lachen über diese Parodie des ernsthaften Geschehens im Inneren der Kirche.

Ich aber habe eine innere Berührung aus diesem Auftritt mitgenommen, die mir bis heute erhalten blieb.

Am Sonntag singen wieder Knaben unseres Chores Zauberflöte - musikalische und intellektuelle Höchtsanforderungen und sicher deshalb ein Gewinn. "Seid uns willkommen..."  

Wir lassen nach Kräften alle Solistenpartien von Knaben und jungen Männern singen. In den vier Jahren, in denen ich den Chor nun leite, haben wir noch nie einen Solisten von "außen" einkaufen müssen. Im Gegenteil: Unsere Knaben stehen in der „Zauberflöte“ des Hildesheimer Theaters auf der Bühne.

Ein Solo zu singen, ist eine enorme Leistung für ein Kind und einen jungen Mann: das Orchester wahrnehmen, rechtzeitig einatmen, sich selbst hören und sauber singen, das alles bitte im Körper und mit voller Stimme, denn der Raum ist groß und das Orchester kaum leise zu bekommen, dabei anständig stehen und im besten Fall das Solo genießen. Ein heikles Geschäft, das gut geprobt sein will, wenn es zum guten, nachhaltigen Erlebnis werden soll.

Natürlich sind Knaben und junge Männer keine professionellen Stimmen und selbstverständlich gibt es Grenzen des Textverstehens und der stimmlichen Möglichkeiten. Dennoch, es entsteht ein homogener Klang, denn die Solisten treten aus den eigenen Reihen ihrer Mitsänger hervor und singen ernsthaft, überzeugend und klangschön ihre Partien.

Dies hat eine ungemein positive Wirkung für den Chor (neben dem, dass es immer einen allgemeinen Verzückungseffekt beim Publikum hervorruf und sowieso gute Tradition im Knabenchor ist...)!

Die Jüngeren orientieren sich an dieser enormen Leistung der Älteren. Die Leistungsstarken fühlen sich gesehen und geehrt. Aber auch die Notwendigkeit des ernsthaften Probens steht hier für alle außer Frage.

So bleiben die Ausbildung und der Einsatz von möglichst vielen Solisten aus den Reihen des Chores ein elementarer Bestandteil unserer Probenarbeit.

Lorenz Heimbrecht


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